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Reckless Spark
Am 14. September 2010 kommt Cornelia Funkes neues Buch "Reckless" in die Buchhandlungen. Schon vor Wochen fluteten kleine Leseproben die Jugendbuchabteilungen. Endlich hatte ich auch mal Zeit reinzuschauen - und wurde mehr als enttäuscht! Hier erst einmal der Beginn der Leseprobe (wie ich ihn digital bei buch.ch vorfand):Hinter dem Spiegel
Die Sonne stand schon tief über den Mauern der Ruine, aber Will schlief immer noch, erschöpft von den Schmerzen, die ihn seit Tagen schüttelten. Er richtete sich auf und deckte Will mit seinem Mantel zu. Ein Fehler, Jacob, nach all den Jahren der Vorsicht. All die Jahre, in denen er eine ganze Welt sein Eigen genannt hatte. All die Jahre, in denen aus der fremden Welt das Zuhause geworden war. Vorbei. Schon mit fünfzehn hatte Jacob sich für Wochen hinter den Spiegel gestohlen. Mit sechzehn hatte er nicht einmal mehr die Monate gezählt und trotzdem hatte er sein Geheimnis bewahrt. Bis er es einmal zu eilig gehabt hatte. Hör auf, Jacob. Es ist nicht mehr zu ändern. Die Wunden am Hals seines Bruders waren gut verheilt, aber am linken Unterarm zeigte sich schon der Stein. Die blassgrünen Adern trieben bis hinunter zur Hand und schimmerten in Wills Haut wie polierter Marmor. Ein Fehler nur. Jacob lehnte sich gegen eine der verrußten Säulen und blickte hinauf zu dem Turm, in dem der Spiegel stand. Er war nie hindurchgegangen, ohne sich zu vergewissern, dass Will und seine Mutter schliefen. Aber seit ihrem Tod gab es auf der anderen Seite nur noch ein leeres Zimmer mehr, und er hatte es nicht erwarten können, die Hand wieder auf das dunkle Glas zu pressen und fortzukommen. Sofort fällt auf, dass es sich um ein Land hinter einem Spiegel dreht. Im Jahr 2001 ist "Der durch den Spiegel kommt" von Kirsten Boie erschienen. Nicht dass ich von dieser Geschichte oder diesem Buch damals etwas mitbekommen hätte, aber der Oetinger-Verlag hielt es im August 2010 - also jetzt und möglicherweise angesichts der Funke-Neuerscheinung - für nötig, das Buch in einer neuen Ausgabe herauszubringen, sodass es jeder mitbekommen musste: Boie und Oetinger waren vor Funke und Cecilie Dressler da! (Natürlich existieren in der Literatur noch viel mehr Länder hinter irgendwelchen Spiegeln und in näherer Vergangenheit hatten wir zuletzt bei Harry Potter den Spiegel Nerhegeb (im Original: Mirror of Erised), der das größte Verlangen des Betrachters zeigte...)
Natürlich ist ein Autor froh, hat er erst einmal einen Anfang gefunden und einen brauchbaren Beginn zustande gebracht. Geschafft! Los geht die Reise! Jetzt schnell weiterschreiben, dann komme ich irgendwann zum ENDE. Der Anfang gerät etwas aus dem Blick und wird vergessen. Beim Korrekturlesen erscheint er als seinerzeit so wichtiges Element dann entsprechend der seinerzeit investierten Mühe um jedes Wort nicht mehr so wichtig. Jedes Wort hat ja schon einmal auf der Goldwaage gelegen. Dem Autor kann man einen nicht so gelungenen Anfang also nachsehen. - Nicht aber dem Lektor! Und da kann ich Cornelia Funke nur raten, ihren Lektor zu feuern! Hat Euch dieser Anfang auch so verwirrt wie mich? Da wird ein Subjekt namens Will eingeführt - aber, Halt!, es schläft nur. Dann kommt ein Pronomen ("Er") und deckt diesen gerade eben als Subjekt eingeführten Will zu. Wie denn? Will schläft und deckt sich mit seinem Mantel zu? Dann denkt Will etwas - und nennt sich scheinbar selbst "Jacob"! Ein paar Zeilen weiter mit dem anderen, allerdings bis dahin - scheinbar - nicht aktiven Jacob und einigen nicht zuzuordnenden Pronomen und dem Hinweis auf einen Bruder (Wessen?) wird Jacob plötzlich zum handelnden Subjekt gemacht, als er sich gegen ein der verrußten Säulen lehnt. Da erst wird klar, dass dieser "Er" vom Anfang des zweiten Absatzes gar nicht Will war, sondern ein anderes Subjekt namens Jacob! Die Selbstanrede in Gedanken mit dem Namen "Jacob" ergibt auf einmal Sinn, und wenigstens ein paar Bruchstücke der Erzählung fallen in den richtigen Zusammenhang. Viele andere jedoch nicht. Und dieses Gefühl, mit voller Absicht verwirrt zu werden, zieht sich durch diesen ersten Abschnitt der Leseprobe leider mit System hindurch. Da tritt ein Fuchs auf, der auch Fuchs heißt, aber eine Füchsin ist. Da werden die "eine Welt" und die "andere Welt" hüben und drüben des Spiegels erwähnt und Schritte "hinüber" und "zurück". In welcher Welt wir aber sind, woher wir kommen, in welchen Proportionen die Aufenthalte jeweils zueinander stehen, bleibt - ohne das gleich mit Block und Bleistift auseinanderklamüsern zu wollen - undurchsichtig. "Schon mit fünfzehn hatte Jacob sich für Wochen hinter den Spiegel gestohlen. Mit sechzehn hatte er nicht einmal mehr die Monate gezählt" - und als Ausreden konnten "ein Nachtflug nach Boston, eine Reise nach Europa" herhalten?? Vermutlich ist unsere Welt (in welchem Jahrhundert?) Jacobs "eine Welt" und die der Füchsin die "andere Welt" - aber behalte da mal den Überblick, wenn die "eine Welt" der Füchsin Jacobs "andere Welt" darstellt, die Pronomen durcheinanderpurzeln und man von "Narnia" (oder zumindest von den aktuellen Verfilmungen) sozusagen gewohnt ist, dass man bei der Rückkehr aus der "anderen Welt" in die "eine Welt" wieder an dem Zeitpunkt landet, von man man aus aufgebrochen war und keine Ausreden für Wochen braucht! Jacob und Will heißen übrigens mit Nachname "Reckless", was im Englischen für waghalsig, leichtfertig oder rücksichtslos, unverantwortlich und als Mischung beider Bedeutungsebenen für draufgängerisch stehen kann. Ich liiiieeeeebe ja sprechende Namen... Abgesehen davon: Nach dem Hype um "Tobie Lolness" ist ein auf -ess endender Name auch nicht gerade ein Glanzstück der eigenen Phantasie, Frau Funke!
Der zweite Teil des Leseprobeheftchens ist besser auf Funkes Homepage zu "Reckless" nachzulesen, wo die "Leseprobe" nur aus just diesem zweiten Abschnitt besteht. Er ist überschrieben mit "Goyl" und ermöglicht einen Einblick in die "andere Welt". Wieder aber ist es so, dass man mehr verwirrt als informiert wird. Am Anfang reitet (General?) "Hentzau mit seinen Soldaten" über ein Schlachtfeld und Kami'en (Befehlshaber oder lediglich der Cleaner welcher Truppe?) hatte "die Pferde- und Menschenleichen verbrennen lassen, bevor sie zu rotten begannen, aber die gefallenen Goyl lagen noch dort, wo sie gestorben waren. Schon in wenigen Tagen würden sie nicht mehr von den Steinen zu unterscheiden sein, die aus der zertretenen Erde ragten". Da gibt es eine Kaiserin (von was?) und einen König (der Goyl - was ist das?), das Subjekt namens "Kami'en" (Namen mit Apostroph finde ich gaaaanz toll...), was nichts anderes als Stein bedeutet - und genau dazu werden die Goyl auch, wenn sie sterben. Dieses Subjekt mit dem phantasievollen Namen Kami'en scheint dieser König der Goyl zu sein, aber das ist keinesfalls sicher. Warum würde der König der Goyl sich so rührig um die Leichen der Gegner kümmern, die eigenen Toten aber einfach liegen lassen, auch wenn sie eben zu Stein werden und (wenigstens) "die Köpfe derer, die in vorderster Linie gekämpft hatten, in die Hauptfestung gebracht worden waren, wie es Goylsitte war"?
Der Name der Goyl-Wesen hat mich aufhorchen lassen. Wiederum bei Harry Potter gibt es Draco Malfoys Gorillas, Crab und Goyle. Aus einer Worterklärung im Buch "Immer sind die Weiber weg und andere Weisheiten" von Stefan Heym weiß ich, dass Goy (in heutigen Zusammenhängen) für "Nicht-Juden" steht. Phonetisch möchte man natürlich an Gargoyles denken, die Wasserspeier auf Kirchendächern, als es noch keine Traufen gab, ideengeschichtlich natürlich gar nicht, denn mit den Gargoyles etwa des (Disney-)Glöckners von Notre Dame, der Zeichentrickserie "Gargoyles" und der aktuellen Bücherserie "Die Gargolz" (im Original: "Gargoylz") oder auch Andrew Davidsons Beststeller "Gargoyle" reicht es eigentlich langsam mit Gargoyles... Vielleicht stecken auch noch "Ghouls" drin. Möchte wirklich wissen, wie, mit welchen Hintergedanken Cornelia Funke auf diesen Namen gekommen ist!
Alles in allem reißt mich diese Leseprobe nicht gerade vom Hocker. Auf Cornelia Funke - wahlweise auf ihren Verlag - bin ich sowieso nicht so gut zu sprechen. Die "Tintenherz"-Trilogie habe ich schon als auf Englisch übersetztes Paperback-Sammelband-Mängelexemplar für'n Appel und 'n Ei erstanden. Auf die deutsche(n) Taschenbuchausgabe(n)(-Remittenden) warte ich seit Jahren vergeblich - und als unpraktische und schwere, leicht im Buchrücken brechende und viel zu teure Hardcover-Ausgaben werde ich mir natürlich keine Tintenherz-Trilogie zulegen! Also haltet Euch damit mal ran, bevor Ihr unausgegorene Roman-Wannabees nachschickt!
Nicht unerwähnt bleiben soll eine wirklich begeisternde Stelle der Leseprobe. Da heißt es: "Die Straße, die vom Tor zum Schloss hinaufführte, war gesäumt von marmorweißen Statuen, und während Hentzau an ihnen vorbeiritt, amüsierte er sich nicht zum ersten Mal darüber, dass Menschen ihre Götter und Helden durch Abbilder aus Stein verewigten, während sie seinesgleichen [die Goyl] für ihre [steinerne] Haut verabscheuten. Selbst die Weichhäute mussten es zugeben. Stein war das Einzige, was blieb." - Na, das ist doch klasse, oder etwa nicht?
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so-zi-al am
25.8.10 18:52
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Wer solche Gewerkschaften hat...
Mir wurde heute ein Flugblatt "Leiharbeit fair gestalten" der IG Metall Wiesbaden-Limburg zugespielt, in dem es heißt:"Mit der Leiharbeit haben Arbeitgeber bereits den Vorteil des kurzen Zeitablaufs und der geringeren Schutzverpflichtung. Weitere Vorteile in der Vergütung und unbegrenzte Überlassungsdauer sind gesellschaftlich untragbar." (Hervorhebung von mir)
Wer sich mit solchen Formulierungen auf den Standpunkt zurückzieht, den Arbeitgebern nahezulegen, sich mit einen einmal abgerungenen Vorteil zufrieden zu geben und die notwendigerweise abzuschaffende Leiharbeit einfach nur "fair" zu gestalten (was immer das heißen soll), der verkennt die gesellschaftliche Untragbarkeit der Leiharbeit an sich - merkwürdigerweise obwohl mit der nicht hinnehmbaren geringeren Schutzverpflichtung und dem auf Arbeitnehmerkosten künstlich verkürzten Zeitablauf die Gründe dafür expressis verbis genannt werden! - Der hat auch seine Rolle als Interessenvertretung der Arbeiterklasse bzw. der Arbeitnehmer aufgegeben!
Würden Michael Erhardt und Doris Wege als ViSdP im Namen der IG Metall Wiesbaden-Limburg baldmöglichst einen Rückzieher von diesem unerhörten Pamphlet machen, würde ich darauf verzichten, im Zusammenhang damit auf den unmittelbar zuvor erschienenen Blog-Beitrag zu verweisen...
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so-zi-al am
25.8.10 02:50
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Das Deutschlandlied 2010
Das sollten wir Deutschen vielleicht etwas mehr beherzigen - und nicht nur wegen Sarrazin:
Das Lied vom Hasse
Wohlauf, wohlauf, über Berg und Fluß Dem Morgenroth entgegen, Dem treuen Weib den letzten Kuß, Und dann zum treuen Degen! Bis unsre Hand in Asche stiebt, Soll sie vom Schwert nicht lassen; Wir haben lang genug geliebt, Und wollen endlich hassen!
Die Liebe kann uns helfen nicht, Die Liebe nicht erretten; Halt' du, o Haß, dein jüngst Gericht, Brich Du, o Haß, die Ketten! Und wo es noch Tyrannen gibt, Die laßt uns keck erfassen; Wir haben lang genug geliebt, Und wollen endlich hassen!
Wer noch ein Herz besitzt, dem soll's Im Hasse nur sich rühren; Allüberall ist dürres Holz, Um unsre Glut zu schüren. Die ihr der Freiheit noch verbliebt, Singt durch die deutschen Straßen: „Ihr habet lang genug geliebt, O lernet endlich hassen!“
Bekämpfet sie ohn' Unterlaß, Die Tyrannei auf Erden, Und heiliger wird unser Haß, Als unsre Liebe, werden. Bis unsre Hand in Asche stiebt, Soll sie vom Schwert nicht lassen; Wir haben lang genug geliebt, Und wollen endlich hassen!
Das Lied vom Hasse von Georg Herwegh, aus dem "Vorwärts" von 1886 (!), gefunden auf dem von Manfred Hausin herausgegebenen Gedicht-Buch "Wir haben lang genug geliebt, und wollen endlich hassen!" und digitalisiert wiederentdeckt in Wikisource
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so-zi-al am
25.8.10 01:09
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Google-StreetView-Hysterie
Die "Allgemeine Zeitung" Mainz machte am Mittwoch mit dem Thema Google StreetView auf und titelte dazu "Proteste stoppen Google nicht". Dazu wurde ein Bild montiert, das ein Google-StreetView-Fahrzeug mit der typischen Kamerainstallation auf dem Dach vor der Kulisse des Brandenburger Tors in Berlin zeigt. In der Berichterstattung ging es natürlich um den "Datenschutz": Mieter und Hausbesitzer könnten ein Online-Formular ausfüllen, um ihr Gebäude unkenntlich machen zu lassen, sie sollten eine Telefon-Hotline mit diesem Anliegen erreichen können, so der Hamburgische Datenschutzbeauftragte. Ehrlich gesagt sehe ich den Zusammenhang mit dem Datenschutz nicht. Wenn ich aus dem öffentlichen Raum heraus Straßenzüge und Häuser fotographiere und die Bilder ins Netz setze, darf ich das ja auch nach Belieben tun. Schutzrechtlich interessant wird es erst, wenn Personen auf dem Bild sind, deren Recht auf das eigene Bild berührt sein könnte, wollte ich es ungefragt ins Netz stellen. Und da wäre es doch interessant zu wissen, ob denn auch die Rechte der Menschen berücksichtigt worden sind, die auf dem Pressefoto zur Google-StreetView-Aktion zu sehen und bei Gegenüberstellung auch zu erkennen sind! Es wäre aber möglich, dass deren Rechte eingeschränkt sind, wenn sie sich aus freien Stücken in der näheren Umgebung von fotogenen Sehenswürdigkeiten wie dem Brandenburger Tor aufhalten...
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so-zi-al am
12.8.10 18:21
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Bildungsgutscheine sind Teufeleien
Alexandra Eisen kommentierte am Montag in der "Allgemeinen Zeitung" Mainz, man müsse Bildungsgutscheine aus dem Hause von der Leyen "nicht verteufeln" (leider nur in der Print-Ausgabe). Dem stimmte ich in meinem Leserbrief vordergründig zu - allerdings nur, um den Spieß kraftvoll umzudrehen:
Sehr geehrte Frau Eisen,
Sie haben Recht: Man muss Bildungsgutscheine nicht verteufeln.
Man muss Bildungsgutscheine gar nicht erst verteufeln, weil sie von Anfang an Teufeleien sind!
Ich biete Ihnen dazu zwei Argumente an, von denen Sie eines bereits selbst in Ihrem Kommentar nennen.- Extra-Gutscheine für die Kinder von Hartz-IV-Eltern sind Teufeleien, weil diese Eltern -- in Ihren eigenen Worten -- mit "dem wenigen vorhandenen Geld aus Hartz IV" auf Almosenniveau abgespeist werden. Schon 2003, als Hartz IV beschlossen wurde, haben Sozialverbände, Kirchen und WASG & PDS (die Vorgängerparteien der Partei DIE LINKE) eindringlich darauf hingewiesen, dass Hartz IV Armut per Gesetz darstellt, schon allein deswegen, weil die in der Gesellschaft breit akzeptierte Gerechtigkeitsstufe der Arbeitslosenhilfe mit Hartz IV abgeschafft und auf dem Niveau der Sozialhilfe mit der Sozialhilfe vereinigt wurde. Mit welchem Recht werden Millionen Menschen, denen "die Wirtschaft", also die tollen Unternehmer, jahrelang einen existenzsichernden Job vorenthält, mit Almosen abgespeist? Gerade Eltern mit erhöhtem Bedarf werden von Hartz IV massiv benachteiligt, wie das Bundesverfassungsgericht am 9. Februar 2010 treffend festgestellt hat. Seitdem fielen jedoch Beschlüsse, die Eltern noch verstärkt benachteiligen werden: Das ALG I soll auf 60 Prozent gesenkt werden, egal, ob Kinder vorhanden sind oder nicht; der Armutsgewöhnungszuschlag nach Paragraph 24 SGB II soll wegfallen, natürlich auch der für die Kinder gezahlte Anteil; das Elterngeld soll Hartz-IV-Eltern (und Geringverdienern) komplett vorenthalten werden (während der Maximalbetrag unangetatstet bleiben soll).
- Die Diskussion um Hartz IV wird vielfach so geführt, als bestünde in der Bevölkerung eine Trennlinie: hier wir (Langzeit-)Arbeitslosen -- dort alle anderen, die gnädigerweise für unseren Lebensunterhalt aufkommen. Tatsächlich sind alle aktuell Leistungsberechtigten nach Hartz IV dadurch charakterisiert, dass sie zuletzt mindestens 12 Monate arbeitslos gewesen sind. Mehr haben die Leute, die Ihr "Hartz-IV-Empfänger" nennt, nicht gemeinsam -- auch nicht, wenn man diese statistische Menge über einen gewissen Zeitraum von ein paar Monaten beobachten würde. Wenn Sie in Ihrer dpa-Meldung etwa lesen, dass Christine Haderthauer (CSU) "Langzeitarbeitslose über die Jobcenter zur besseren Förderung ihrer Kinder verpflichten" will, dann können Sie das in Klartext übersetzen, indem Sie formulieren: Haderthauer will irgendwelche Leute zur besseren Förderung ihrer Kinder verpflichten! Wenn Haderthauer sich gegen Bildungsgutscheine für Kinder von Hartz-IV-Empfänger wendet, weil sie „ein kollektives Misstrauensvotum gegen Langzeitarbeitslose sind und diskriminierend wirken“, dann unterschlägt sie ganz zwanglos, dass die Verpflichtung beliebiger Eltern "zur besseren Förderung ihrer Kinder" natürlich genauso diskriminierend wirkt und ein kollektives Misstrauensvotum gegen die Betroffenen darstellt! Über die von Ihnen genannten Hartz-IV-Eltern, "die sich trotz Hartz IV bemühen, ihren Kindern Nachhilfestunden, einen Zoobesuch oder Flötenunterricht zu finanzieren -- und dafür selbst Verzicht üben (!)", kommen wir zurück zum Argument 1: Es darf keinen Grund für diese Gesellschaft geben, Eltern ihrer Kinder wegen zum Verzicht zu zwingen! Das ist verfassungswidrig, wie Sie sich leicht anhand von Artikel 6 Absatz 2 des Grundgesetzes klarmachen können: "Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht".
Ich selbst bin Diplom-Chemiker, Technischer Redakteur, PHP/MySQL-Webprogrammierer, Lektor und Community Manager. Meine Tochter (8 Jahre) wird niemals einen Bedarf nach Nachhilfe entwickeln. In den Zoo geht sie sehr gerne, weil sie (zurzeit) Robbenpflegerin werden möchte -- ich möchte sie aber bitteschön begleiten! Wenn sie das Flöten-, Klavier- oder Gitarrenspiel in Erwägung zieht, möchte ich das primär ohne Geld organisieren können und sekundär mit meinem eigenen Geld in freier Entscheidung. Wenn meine Tochter sich einfach nur durch meine Bibliothek lesen will, möchte ich von der Gesellschaft kein schlechtes Gewissen aufgezwungen bekommen, nur weil ich Bildungsgutscheine "verfallen" lasse.
Mal sehen, ob der Leserbrief etwas bewirkt. Ich glaube ja eher nicht....
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so-zi-al am
12.8.10 17:25
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Fehlurteil zur Barauszahlung von Hartz IV
Im lexisnexis-Beitrag Nr. 185034 vom 28.07.2010 berichtet Reinhild Gotzen: "SGB II-Empfänger haben grundsätzlich keinen Anspruch auf Barauszahlung der Leistungen". Es ist das SG Gießen, das sich mit diesem klaren Fehlurteil hervortut - auch wenn man sagen muss, dass viele andere Aspekte an dieser Story einfach nicht berücksichtigt wurden oder schlicht falsch sind.
Die Aussage etwa, dass der Leistungsempfänger den Anspruch auf kostenfreie Auszahlung verwirkt, wenn er eine andere Auszahlung als die vom Gesetzgeber im § 42 SGB II als Regelfall bestimmte Überweisung von Geldleistungen auf ein Konto des Leistungsempfängers beantragt, ist - im Falle der Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts im SGB II - offenkundig nicht haltbar. Hier gilt Ähnliches wie beim Wegfall der Bagatellklausel der Fahrtkosten, die bei Einladungen zur ARGE entstehen. Der Leistungsempfänger hat selbstverständlich ein Recht auf vollständige Auszahlung des bewilligten ALG-II-Betrages zur Sicherung seines Grundrechts auf Leistungen zum Lebensunterhalt mit soziokultureller Mindestteilhabe! Wenn das von der ARGE gewählte Postbarscheck-Verfahren mit Gebühren verbunden ist, ist dieser unabdingbare Grundsatz wohl kaum gewährleistet und darum ist es eben das falsche Verfahren!
Allerdings lässt sich das Problem auf verschiedene Weisen auflösen. Der einfachste Weg wäre, Banken die Erhebung von solchen Gebühren zu untersagen. Der zweiteinfachste Weg wäre, sofern der Leistungsempfänger auf der Barauszahlung besteht, dass er sich das Geld bar bei der ARGE abholt. Am allereinfachsten aber wäre der Hinweis an die Bank, dass sie das Girokonto kostenlos zur Verfügung stellen muss. Auf diese Weise kann das Konto weiterhin genutzt werden und der ARGE entstehen auch keine Verwaltungskomplikationen. "Das Jedermann-Konto wurde 1996 in Deutschland vom Zentralen Kreditausschuss der Banken (ZKA) als freiwillige Selbstverpflichtung der Banken definiert. Es handelt sich um ein Girokonto auf Guthabenbasis, bei dem keine Überziehung (umgangssprachlich: Guthabenkonto) zugelassen ist." (Lemma der Wikipedia)
Völlig falsch ist natürlich der Hinweis des Sozialgerichts Gießen, dass Kontoführungsgebühren als Bedarf mit der Regelleistung abgedeckt seien. Schon wegen des Jedermann-Kontos besteht gar kein Grund, für Bankdienstleistungen einen eigenständigen Bedarf vorzusehen - und so ist es ja dann auch, wenn man sich die Regelsatzverteilung ansieht! Abgesehen davon muss endlich Schluss sein mit dem Irrsinn, wirklich alles, was man sich alltäglich leisten können muss, um Teil dieser Gesellschaft zu sein, auf den "mit Hartz IV abgedeckten Bedarf" abzustellen, der mit schlappen 359 Euro nun einmal nicht mehr ist als ein besseres Taschengeld! Taschengeld für erwachsene, eigenverantwortliche, oft zusätzlich betreuuende, mit einer Menschenwürde versehene Mitmenschen! Hartz-IV-Leistungsberechtigte sind nicht der soziale Schuhabtreter der Nation!
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so-zi-al am
30.7.10 11:58
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Dilettantenklatsche für die SWR3-Morningshow
Kurz vor halb neun behauptete heute in der SWR3-Morningshow einer der Moderatoren, ich meine, es war Michael Wirbitzky, "I engineer" wäre der einzige Hit der Band Animotion gewesen. "I engineer" ist also der einzige Hit von Animotion? HA! Da wird natürlich die Dilettantenklatsche fällig! Die wirklichen Hits von Animotion heißen "Obsession" und "Let Him Go". "I engineer" ist lediglich die Hit-Single vom Nachfolgealbum!
Ähnlich versucht SWR3 offenbar bei Soul Asylum, die Musikgeschichte neu zu schreiben. Wie heißen die größten Hits von Soul Asylum? Etwa "Runaway Train", was SWR3 dauernd spielt? Nein! Die größten Hits von Soul Asylum heißen "Somebody to shove" und "Black Gold". Mit denen sind sie bekannt und berühmt geworden. "Runaway Train" ist nur eine nachgeschobene dritte Single - und obendrein ein eher untypischer Song für die Band.
Frecherweise haben sie keine Korrektur mehr über den Sender gebracht, sondern zum Abschluss der Sendung (der neue Running Gag) über das "Blaue Wunder" gesprochen... Weiß nicht, was überwiegt: die durchaus nette Aufklärung über eine Dresdner Brücke, die tatsächlich so heißt und schon auf einer Briefmarke der Bundesrepublik Deutschland verewigt ist, oder die absurde Volksverdummung über die Hits von Animotion und Soul Asylum...
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so-zi-al am
30.7.10 10:59
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Die Frage zur Loveparade 2010
Nach der weitgehend deprimierend grundsatzbefreiten "Diskussion" zur Loveparade 2010 gestern möchte ich heute eine Frage nachschieben, die m.E. wenig gestellt werden:
Bei (inzwischen) 21 Toten kommt man unter der Annahme einer Gesamtteilnehmerzahl von 1,4 Millionen auf einen Toten je ca. 65.000 Teilnehmer. Rein rechnerisch sind das also gar nicht so viele. Wie viele Veranstaltungen gab es wohl vergangenes Jahr, bei denen 65.000 Teilnehmer - zumindest zeitweise - in eine Richtung strömten? Da braucht es schon sehr zugkräftige Bands vor randvoll gefüllten Stadien, um auf die ersten Reihen solchen Druck auszuüben - wobei dort immer Ordner stehen, die zusammenbrechende oder (auch nur für ihr subjektives Empfinden) zu stark gequetschte Fans rausziehen. Umgekehrt gab es aber auch durchaus Großveranstaltungen mit mehreren Hunderttausend Teilnehmern wie etwa die Berliner Fanmeile bei der WM - von der ich allerdings nicht weiß, ob es dort nur eine Leinwand gab oder ob für mehrere Blickrichtungen gesorgt worden war, sodass sich Druck - etwa im Fall von Toren der deutschen Mannschaft - verteilen konnte -, wo überall glücklicherweise buchstäblich nichts dergleichen passierte.
Bemerkenswert finde ich, dass ich bislang noch niemanden in den Medien erlebt habe, der aufgrund seiner Eigenschaft als bis 23 Uhr nichtsahnend "feiernder" Teilnehmer der Loveparade befragt worden wäre, welche Gefühle nachträglich daraus erwachsen wären, sechs Stunden oder mehr als "Mob" betrachtet worden zu sein, dem man die Information über (zu diesem Zeitpunkt) 15 oder 16 Tote bei der von ihnen besuchten Veranstaltung nicht zumuten konnte, um weitere Massenpanik zu verhindern. Ich hielte das für eine ziemlich frustrierende und deprimierende Erfahrung...
Aufgrunddessen finde ich auch bemerkenswert, dass die Loveparade 2010 ansonsten offenkundig geradezu ereignislos verlaufen ist. Alle Toten und praktisch alle Verletzten (im Zusammenhang mit den von der Polizei aufgenommenen Körperverletzungsdelikten wurden die dazu passenden Verletzten nicht beziffert) rühren von dem einen Vorfall her!
Wie viele Faktoren müssen da letztlich zusammengekommen sein, dass es so schlimm enden musste?!
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so-zi-al am
29.7.10 21:55
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Grandioser Blog-Beitrag zur Loveparade, zu ICE-Klimaanlagen und dem großen Ganzen
Zumindest den Anfang des Blog-Beitrags "Im ICE von Duisburg nach Auschwitz" will ich zum Reinlesen gerne wiedergeben:
Im ICE von Duisburg nach Auschwitz von rauskucker
Wir werden alle verrecken. Oder fast alle.
Wir stecken alle in diesem überhitzten Schnellzug, der sich nicht anhalten lässt, dessen Klimaanlage jemand kaputt gemacht hat, dessen Fenster man nicht öffnen kann, dessen Lokführer verrückt sind.
Wir stecken alle in dieser dichtgedrängten Menschenwelle, die auf einer engen Rampe zusammengepfercht wird, ohne Ausgang, mit nur einer Überlebenschance, nämlich wenn wir bereit sind, auf die schon am Boden Liegenden zu steigen und so noch etwas frische Luft zu erhaschen.
Wir alle geraten durch Enge, Hitze und Ausweglosigkeit in Panik, das Adrenalin treibt uns wahlweise in die Raserei oder lähmt uns zur Schockstarre.
Wir sind alle daran beteiligt, weil wir ja Teil der Masse sind.
Aber wir alle haben das gar nicht zu entscheiden gehabt. Wir wollten nur mit dem Zug fahren. Wir wollten nur Party feiern. Wir wollten nur ganz normal leben. Wir wollten nicht den Planeten zerstören.
(...)
Was man aber aus den Vorfällen der letzten Zeit sicher vorhersagen kann ist, daß sich niemand für die Katastrophe schuldig fühlen wird. Das habe man nicht gewollt, nicht gewusst, nicht zu verantworten. Ein Massenmord an Milliarden Menschen, ein Genozid und Geozid, und niemand war's gewesen.
Die große Katastrophe hat aber jetzt schon einen klaren Schuldigen, der mit einem Begriff bezeichnet wird, den ein großer prophetischer Denker schon vor 150 Jahren geprägt hat, welcher vor eben diesem Untergang der Zivilisation auch schon gewarnt hat, wenn die Menschheit es nicht schaffe, zu einer vernunftgesteuerten Lebensweise zu finden. Der Mann hieß natürlich Karl Marx, und das zu tötende Monster heißt Kapitalismus. Sollte man gelesen haben - ganz! Kommentare bitte dort oder - ungefiltert - gleich hier!
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so-zi-al am
29.7.10 18:22
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Wann wird es endlich E-Book-Lesegeräte geben?
In "Das Science Fiction Jahr 2008" wird Charles Stross (auf Seite 541) gefragt: "Was halten Sie vom neusten Versuch auf diesem Gebiet [der E-Book-Lesegräte], dem 'Kindle' von Amazon[.de]?" - Charles Stross hakt daraufhin die gesamte Branche einfach ab und beweist damit mehr Fachwissen als die gesamte Branche:
Der "Kindle" wird ein Reinfall werden, aber ein interessanter, weil sich zum ersten Mal ein Buchhändler an einem Lesegerät versucht und nicht irgendeine Firma aus der Unterhaltungsindustrie, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Ich bleibe bei meiner Vorhersage, dass alle Bemühungen in dieser Richtung scheitern werden, solange die Rechteinhaber die Methoden der Musik- und Filmindustrie kopieren und am Markt "Digital Rights Management" durchsetzen wollen. Und solange die Anbieter von Lesegeräten der Meinung sind, 350 bis 400 Dollar seien ein akzeptabler Preis für eine Gruppe von Konsumenten, die zum überwiegenden Teil nur ein bis zwei Bücher pro Jahr liest. Ich würde zu gerne wissen, welche Formulierung für "von Tuten und Blasen keine Ahnung" im Interview verwendet wurde
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so-zi-al am
29.7.10 17:01
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