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alverde - fragwürdiges Interview mit Gauck

Aufgrund des irritierenden Interviews mit Joachim Gauck durch die Kundenzeitschrift "alverde" des dm Drogeriemarktes (inkl. Gauck-Portrait auf dem Titelbild!) ging eben diese E-Mail an die Redaktion von "alverde" raus:

Sehr geehrte Frau Hildebrandt,

dass "alverde" ausgerechnet in Zeiten der Krise des bzw. mit dem amtierenden Bundespräsidenten Christian Wulff ein Interview ausgerechnet mit seinem damaligen Gegenkandidaten Joachim Gauck veröffentlicht, irritiert uns im höchsten Maße!

Zu dieser publizistischen Instinktlosigkeit kommt die politische Orientierungslosigkeit noch erschwerend hinzu, mit der Sie persönlich im Editorial auf eine "Schlüsselfigur der deutschen Wiedervereinigung" verweisen. Dass mir weder zu jener Zeit noch seither zu Ohren gekommen ist, welche konkrete Rolle dieser Mann im Prozess der Wiedervereinigung 1989/90 ausgefüllt und welche Bedeutung sie überhaupt dafür gehabt haben soll, mögen Sie mir persönlich anlasten. Aber wozu sollten solche Kenntnisse reichen??

Joachim Gauck kenne ich vor allem als realitätsfernen "Freiheitspathetiker" (wie Sie es selbst im Interview einleitend bemerken), der gar nicht zur Kenntnis nehmen KANN, in welchem Ausmaß und mit welchem rapiden Tempo die Freiheit der Menschen in Deutschland zusammenschrumpft und schwindet und welche Schuld gerade die politische Klasse damit auf sich lädt. Allein der Komplex Hartz IV und Elterngeld betrifft viele Millionen Menschen, die -- wie Götz W. Werner nicht müde wird zu betonen -- ökonomisch UND soziologisch abgehängt und ausgeschlossen ("exkludiert") werden ("offener Strafvollzug"). Welche Rolle kann ein solcher Mann denn schon in der Wiedervereinigung gespielt haben, der so blind ist gegenüber massiven Freiheitsdefiziten und so gefühlsarm im Angesicht bitterster Armut?

Erschwerdend kommt seine Tätigkeit als Leiter der (dann nach ihm benannten) "Gauck-Behörde" hinzu, in der er für mich zum Inbegriff des Amtsmissbrauchs wurde, weil er -- in Zeiten des konservativen Bundeskanzlers Kohl -- immer wieder Akten oder auch nur Gerüchte über überwiegend linksgerichtete Personen des öffentlichen Lebens an die Presse lancierte, wie es den Mächtigen gerade, etwa unmittelbar vor Wahlen, in den Kram passte.

Es ist und bleibt ein Mysterium für uns, wie dieser Mann ausgerechnet von SPD und Bündnis 90/Die Grünen als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten aufgestellt werden konnte und jetzt auch noch erneut ins Gespräch gebracht wird, als wären sämtliche Mitglieder beider Parteien blind gegenüber den persistenten Charakterschwächen und politischen Verfehlungen dieses Mannes.

Darum war das Interview mit Joachim Gauck in der "alverde" zur Unzeit wie ein Schlag ins Gesicht jedes billig und gerecht denkenden Menschen!

Und dies ist umso tragischer, als in der gleichen Ausgabe Götz W. Werner dazu aufruft, die "Verführung zum Verweilen in der Routine", hier etwa: der Routine irreführender Berichterstattung über Joachim Gauck als "Bürgerrechtler", zu durchbrechen, und Georg Schramm, auch schon als Bundespräsident ins Gespräch gebracht, in der beigehefteten "a tempo"-Ausgabe über die "systematische Verblödung" betreibende "selbsterannte bürgerliche Elite" herzieht, die "unser Bildungssystem regelrecht verkommen" und "Familien in materielle Bedrängnis geraten" lässt.

Schramms Kollege Volker Pispers wird noch deutlicher [1] über den "Mann, der die DDR eigenhändig zur Strecke brachte": "Und wenn man so liest, was der Herr Pastor und zeitweilige Bundespräsendentenkandiat der Herzen als ausgewiesener Fachmann [aktuell!] zu dem Wirtschaftssystem, das gerade vor unser aller Augen zusammenbricht, zu sagen hat, dann müssten SPD und GRÜNE heute eigentlich auf Knien dafür danken, dass die Linkspartei damals seine Wahl zum Bundespastor verhindert hat." "Vom Kapitalismus profitierende Gestalten wie Joachim Gauck leben angstfrei in dem Wissen, dass sie weder in dieser noch in einer anderen Welt jemals für ihr Reden und Handeln zur Verantwortung gezogen werden. Und das ist wirklich unsäglich, wenn nicht sogar abscheulich."

In diesem Sinne verbleibe ich
mit freundlichen Grüßen

Manfred Bartl
Mainzer Initiative gegen HARTZ IV


[1] http://www.rottmeyer.de/volker-pispers-occupy-wall-street-joachim-gauck/


Nach kurzer Zeit erreichte mich tatsächlich eine Antwort, ein Dank für meine "offenen Worte" und eine Erklärung, dass das Interview mit "Herrn Gauck" im November vergangenen Jahres geführt worden und die Januar-Ausgabe von alverde Anfang Dezember 2011 in Druck gegangen sei. Zu diesem Zeitpunkt sei für die Redaktion die Diskussion um den Bundespräsidenten nicht abzusehen gewesen... Ich musste reagieren:


Sehr geehrte Frau Hildebrandt,

offene Worte sind natürlich mein Markenzeichen als Kandidat für das Amt des Mainzer Oberbürgermeisters ebenso wie als Blogger. Nichtsdestotrotz danke ich Ihnen herzlich für Ihre freimütige Anerkennung in dieser an Anerkennung so armen Zeit! (Apropos: Axel Honneths "Das Recht der Freiheit" wäre doch ein passendes Thema für die "alverde"!)

Ihre Erläuterung kann freilich nur erklären, wie ein Gauck-Interview in gerade diese Ausgabe der "alverde" geraten konnte. Schleierhaft ist uns hingegen nach wie vor, warum die "alverde" mit einem Interview ausgerechnet mit Joachim Gauck, der wie kein anderer für Realitätsferne, mangelnde Empathie, doppelte Maßstäbe und unverfroren elitäre Dreistigkeit gegenüber der Normalbevölkerung steht, ihren Ruf als der Nachhaltigkeit und dem Erhalt zivilisatorischer Werte verpflichtetes Kundenmagazin überhaupt aufs Spiel setzt!!

Ein Interview mit so jemandem war doch, ganz unabhängig von der Wulff-Krise, schon im November 2011 genauso überflüssig -- um nicht zu sagen kontraproduktiv -- wie im Erscheinungsmonat Januar 2012. Die von Gauck in Ihrem Interview so affektiert "hochgeachtete" Piratenpartei würde sagen: Don't feed the troll! Für zum bloßen Selbstzweck die öffentliche Aufmerksamkeit heischende Trolle wie Gauck ist Aufmerksamkeit wie eine Droge; solche Trolle gehören durch unentwegtes Ignorieren durch eine fatalen Gestalten wie Gauck gegenüber wachsame Öffentlichkeit in die totale Isolation abgedrängt, die ihnen die eigene Bedeutungslosigkeit widerspiegelt. Jedes Quentchen Aufmerksamkeit animiert solche Trolle nur, fortgesetzt ihre hohlen Phrasen zu dreschen im Missverständnis, es würde noch irgend jemanden interessieren...

Ich bitte nun Sie ums offene Wort und verbleibe
mit freundlichen Grüßen

Manfred Bartl
Mainzer Initiative gegen HARTZ IV



Nach einem "vielen Dank für die interessante Darstellung Ihrer Einschätzung" wurde mir erklärt, dass man als Kundenmagazin Persönlichkeiten vorstellen möchte, die für die Leser von Interesse seien. "Herr Gauck" vertrete politische Standpunkte, "die viele Menschen interessieren oder sogar teilen". Dass das Bild, das man sich von dieser Person mache, ganz unterschiedlich ausfallen könne, zeige meine "deutliche Position" genauso wie auch "die zahlreichen positiven Stimmen, die uns zu diesem Interview erreicht haben". Abschließend meinte Frau Hildebrandt, sie würde sich freuen, wenn sie mit ihren Zeilen Verständnis für ihren Standpunkt habe wecken können.



Entschuldigen Sie vielmals,

verehrte Frau Hildebrandt,

aber naturgemäß konnten Sie keineswegs Verständnis für den Standpunkt Ihrer Redaktion wecken -- im Gegenteil: Ihre Nachricht über die "zahlreichen positiven Stimmen", die Sie von anderer Seite zum Gauck-Interview erreicht hätten, bestätigt doch nur unsere schlimmsten Befürchtungen: Die Feinde unserer Demokratie, unserer pluralistischen Gesellschaft und auch unserer Freiheit, Leute wie eben Gauck, aber auch Sarrazin, Sloterdijk, Paul Nolte, Hans-Werner Sinn, Ackermann, Asmussen, Riester, Raffelhüschen usw., werden in der Breite der Bevölkerung schon gar nicht mehr als ihre Feinde erkannt!! Sie legen an dieser Stelle Zeugnis ab für die uns bevorstehende größtmögliche Tragödie unserer Zeit: die Wiederholung der Geschichte als Farce!

Faschismus 2.0, weil auf bloßen Konsum ausgerichtete Medien entgegen jeder Vernunft (und hier entgegen ihren eigenen Ansprüchen in Sachen Nachhaltigkeit) kritiklos alles bringen, was die Leute irgendwie interessieren dürfte. Damals haben sich die Leute für Hitler und Hugenberg interessiert, heute interessieren sie sich halt für Gauck (oder Wulff, fast egal), zu Guttenberg, Sarrazin und Maschmeyer. Damit ist alles ausgeschlossen, wofür sich die Leute sofort interessieren würden, wenn man es ihnen bloß einmal in ihren bedrängten Alltag hinein servieren würde, etwas, das Alternativen, Lösungen, neue Ideen, Diskussionsanlässe, Moral, Hoffnung bietet.

Ich will und kann mich nicht damit abfinden, dass Sie in einer so verantwortungsvollen Position diese Zivilisation so willfährig einem - mit ein wenig gutem Willen vermeidbaren - grausamen Schicksal überantworten!

Mit freundlichen Grüßen

Manfred Bartl
Mainzer Initiative gegen HARTZ IV
11.1.12 02:35
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


ossi1 (29.1.12 20:20)
Toll, fast wie im Märchen: Ein Wessi hat im Gegensatz zu vielen Ossis alles verstanden was da läuft. Höchster Respekt! Und Danke!


Manfred / Website (30.1.12 18:56)
WOW! Ein intellektuell ungeheuer inspirierender Kommentar auf einen Blog-Beitrag, der ausschließlich die gesamtdeutsche Perspektive nach 1989 bemüht...

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