Franz Hohler (aus der Schweiz) ist ein Dichter,
soweit klar. Letztens fand ich auf einem Kaufhaus-Wühltisch seine Lyrik-Sammlung "
Vom richtigen Gebrauch der Zeit" (
PDF-Leseprobe) und las mich ein wenig rein. Da findet man Sachen, über die man schon mal anderswo stoßen konnte:
Die Selbstgerechten
Und als der Irak
Kuweit überfiel –
habt ihr da auch demonstriert?
So fragen uns die
die selber nie demonstrieren
und falten die Hände
über den Bäuchen.
Dabei herrscht die freie Form vor. Dann auf einmal: ein gereimtes Gedicht. Ist eine Art Heimatgedicht, eine stimmungsvolle Fingerübung für Dichter. Hat mich trotzdem umgehauen. Also so richtig: Hyperventilation, weit aufgerissene Augen, das volle Programm totaler Ergriffenheit! Es ist schließlich auch eine Metapher für den "Rasenden Stillstand" nach Paul Virilio und Hartmut Rosa ("
Beschleunigung - Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne"). Da in der Leseprobe
keines der im Anschluss folgenden Serie von insgesamt vier gereimten Gedichte wiedergegeben wird, dachte ich mir, ich präsentiere dieses eine hier mal nach Art der Wissensgesellschaft - frei und unbeschränkt:
Abend, hoch oben
Die Birken sammeln das letzte Licht
die Felsen schimmern fahl
die Häuser verlieren ihr Gewicht
der Himmel sinkt ins Tal.
Der Bach folgt seinem alten Lauf
von weit ein Glockenschlag
ein Flugzeug schlitzt die Dämm'rung auf
dann stirbt auch dieser Tag.
Wie kalt und klein die Sterne sind
wie groß der Eichenbaum
er rauscht im dunklen Abendwind
als hätt er einen Traum.